Ich sehe gerade im WDR eine Sendung, die mich zum Platzen bringt. „ARD-Exklusiv: Schülerstress: Im Schweinsgalopp zum Turbo-Abi“ Mütter, die verzweifelt um die Freizeit ihrer Kinder ringen. Lehrer die sich schon früh mit Kopfschmerztabletten vollpumpen um über den Tag zu kommen. OMG! Und ja, ich habe diese grausame „Hölle“ durchschritten. Ohne Zuhause einen Finger krumm zu machen. In den gesamten zwölf Jahren. Mit dem Ergebnis: 2,9… immerhin. Wie geht das? Das meine eigene Erfahrung real ist, kann man schlecht bezweifeln. Es geht. Ohne private, persönliche oder gar seelische Abstriche: 12 Jahre bis zum Abitur. Mit, nun ja, 2,9… wie man auch immer darüber denken mag… immerhin eine 2 vorm Komma ^^.
Aber gucken wir mal, was unser super differenzierter Bericht (produziert vom SR) dazu sagt: Mutter: „zwanzig vor eins kommt meine Jüngste nach Hause“ okay… 12:40 Uhr. Kling moderat. „Da muss ich wieder zuhause sein“ WTF? Warum muss eine Mutter zuhause sein, wenn die Tochter aus der Schule kommt? Ich bin seit der 5. Klasse direkt allein nach Hause gegangen… niemand war da. Und mir war‘s recht. Meine Mutter hätte auch nie Zeit mich „zwanzig vor eins“ zu Hause in Empfang zu nehmen. Sie arbeitet. Und mein Vater auch. Beide bis nach um 4. (glücklicherweise) Währenddessen kauft unserer Beispielmutter von ARD-Exklusiv schon fröhlich und künstlich gestresst ein. Eine halbe Stunde vor „zwanzig vor eins“. Also der Uhrzeit des Grauens.
13:30 Uhr: Katarina macht sich auf den Heimweg. 45 Minuten sind vergangen, in denen „die Französisch-Lehrerin um Aufmerksamkeit kämpfte“. (Anmerkung: Ich bin nach meiner 8. Stunde manchmal 15:45 Uhr Zuhause gewesen. Und ich brauch nur 5 Minuten mit dem Rad. Soviel zur Leistungskurve vor halb 2.) Okay… unsere Katarina von ARD-Exklusiv fährt eine Stunde nach Hause. (die Ärmste. (ernst gemeint!)) Also 14:30 zu Hause. Na und? Klingt für mich nach: „So und jetzt knapp 7 Stunden Zeit für Essen, Spaß und ja meine Güte… (sie ist ein ehrgeiziges Mädchen) auch Hausaufgaben.“ Zu wenig? Wohl kaum.
Überblendung. Vor frostbitten G8: Die gezeigte Schule probiert sich als Ganztagsschule. Das geht ja mal gar nicht! Da müssen die Lehrer ja am Nachmittag in der Schule sein. Das passt nicht in das gemütliche „Ich sitze Zuhause im gemütlichen Arbeitszimmer und kontrollier Arbeiten“-Leben. Und noch etwas: Die Eltern haben keinen Vorwand schon „zwanzig vor eins“ zuhause sein zu müssen.
Heute gibt es bei Sophia und Katharina daheim ein gemeinsames Mittagessen. (Mama war schließlich in der Lage schon „zwanzig vor eins“ daheim zu sein.) Sophia kann sogar(!) ihrer Mutter helfen. Wow! Ich hab mir halb 3 mein Essen selbst warm gemacht.
„Also mit G8 hat es sich deutlich verschlechtert [Anmk.: was sonst!] weil kein gemeinsames Schulende mehr ist.“ Also hier kann ich zwar nicht mitreden, da meine Brüder zu der Zeit schon lang studierten und nicht mehr Zuhause waren. Aber ein gleichaltriger Bruder/eine gleichaltrige Schwester, der/die nicht synchron mit mir zu Hause angekommen wäre, hätte an der durch und durch positiven Zeiteinteilung nichts geändert. Aber unsere Bsp.-Mutter hat ja den Luxus „zwanzig vor eins“ schon zuhause sein zu können. Deswegen wäre es noch luxuriöser, wenn alle Kinder gleichzeitig ankommen würde. Wäre dann nur ein Eintrag im vom Supercomputer berechneten Terminkalender gewesen. Also ungemein praktischer.
Ihre beiden Töchter kommen zweimal die Woche erst um 3 Uhr nach Hause. Wenn man die Stunde Fahrzeit abzieht, sieht man, dass hier die Schule schon ca. um 2 zu Ende ist. Auch hier wieder einmal: Luxus. Aber: Da nicht alle zur gleichen Zeit nach Hause kommen, kann man nicht regulär miteinander Essen. Gemeinsames Mittagessen: wieder Luxus. Wie wär’s mit gemeinsamem Abendessen? Das muss reichen! außerdem ist dann auch ARD-Exklusiv-Bsp.-Papa da.
Nächste Bsp.-Familie. Hier kommen die Kinder um 5 nach Hause. OK. Sehe ich ein. Das ist heftig. Bsp.-Mutter 2 fragt ihren Sohn (schätzungsweise 7. Klasse), ob er noch Hausaufgaben machen müsse. Was soll das? Schon mal was von Selbständigkeit gehört? Meine Mutter brauchte mich das nicht zu fragen. „*zu Sohn 2 (geschätzt: 5. Klasse) dreh* Und du guckst dir das heut Abend noch einmal an!? OK. Dann darfst du jetzt gehen.“ Ich hoffe für die Kinder, dass das für „ARD-Exklusiv“ gestellt war. Wenn nicht: Die armen Kinder. Wie dem auch sei. Da er ja jetzt offiziell Freizeit hat, „schlägt er sich mit Freunden in die Büsche“. Aber: „Die nächste Lerneinheit ist schon in Sicht!“ (wie eine dunkle Tür, die ins Verderben führt *prust*) „Wir wollen heut Abend noch Musik lernen. Weil… wir ham am Donnerstag eine Musikarbeit.“ Abends lernt man nicht. Es bringt nichts. Das Tal der Lernkurve ist da voll ausgeprägt. Macht lieber etwas Lustiges. (Was dem Tenor der Sendung jedoch nicht zuträglich wäre) Musik ist zudem unwichtig. Oder lernt jetzt, wenn’s unbedingt sein muss.
Jetzt sind wir wieder bei Bsp.-Familie 1. (glaube ich) Alle Kinder haben Hobbys. Wie ist das möglich? Antwort: Die Mutter ist beinahe den ganzen Tag mit Taxiaufgaben beschäftigt. Während die Geschwister eingeplanten Spaß haben dürfen, macht Katharina eine Stunde lang ausschließlich Deutsch-Hausaufgaben. Wie schon gesagt: ehrgeiziges Mädchen. Mit der Einstellung wird man eine kleine Condoleeza Rice mit 1er Abi. Muss ja nicht sein. Aber nun gut. „Ob und was sie später studieren wird, weiß sie noch nicht“ [Polemik an] sicher BWL, Jura oder Medizin [Polemik aus] „Seit G8 ist ihr klar: Der Leistungsdruck ist hoch, besonders bei guten Schülern wie ihr“ Ach was!? Tatsächlich? Früher ist einem seine 1 in Deutsch in den Schoß gefallen, weil in der 11. Klasse nochmal die komplette 10. wiederholt wurde!? Blödsinn! Wieder eine Übertreibung mit einem Schlagwort („Leistungsdruck“) mehr.
Katharina spricht: „Man muss jetzt auch… halt wegen de>M< Abitur in fast jedem Fach ziemlich gut sein“ Das ist also durch G8 neu. Interessant. Die Frage: Wie um alles in der Welt war deren Lebenseinstellung vor G8? „Abitur bekomm ich auch so… auch wenn mein ganzes Zeugnis eine große Schwäche ist.“? Dieses kleine Mädchen ist noch nicht einmal in der Kursstufe. Also dort, wo es darum geht Punkte für’s Abi zu sammeln. Und selbst da hatte ich Anfangs einige extreme Schwächen in Mathe und Geschichte. Trotzdem hab ich es zu genanntem Ergebnis geschafft. Katharina hat ab Herbst an manchen Tagen 9 Stunden. Klares Missmanagement der Schule bzw. des Ministeriums im Saarland. Das schafft man besser. In diesem Alter hatte ich 2 x 6, 2 x 7 und 1 x 8 Stunden die Woche. Also recht gleichmäßig verteilt. Aber über Missmanagement im Ministerium darf ich mich, glaube ich, nicht beschweren. Aus „meinem“ Minesterium kam schon die Vorgabe 2 Stunden Zuhause selbst weiter zu lernen. Überflüssig. Zumindest nicht in diesem Umfang nötig. Praxisfern auf alle Fälle. Wie so vieles aus Ministerien.
Zum Kinder umherfahren: Wo leben die Leute eigentlich? Man könnte denken, es seinen urbane Verhältnisse wie an der Westküste der USA: Extrem große Städte mit extrem dünner Besiedlung und kein ÖPNV. Aber ÖPNV wurde von ARD-Exklusiv schon ausgeschlossen: Die Eltern fahren die Kinder lieber selbst. Bus und Bahn sind zu langsam. Kostbare Zeit geht verloren.
Lehrer der Schule kommen zu Wort: sinngemäß: „Seit G8 haben wir Kopfschmerzen!“ und „Seit G8 haben auch Schüler Kopfschmerzen!“. Die Lehrerin spricht von Kopfschmerztabletten wie von Drogen. Als ob das die Menschen kaputt macht. Schlagzeile: „Mit kopfschmerztabletten auf der Schultoilette totgefixt!“
Lehrerin 2: sinngemäß: „In anderen Bundesländern macht man den Stoff über den ganzen Tag. Wir müssen das alles am Vormittag machen.“ Wann bitte fängt bei euch der Unterricht an, wenn der Vormittag Platz für 9 Stunden hat? Um 4 Uhr früh? „Weil wir das nicht schaffen, muss unsere Arbeit zu Hause von den Eltern komplettiert werden.“ Und wenn nicht? Wird’s nach 12 Jahren ne 2,9? *lach*
Und jetzt kommt der absolute Oberknüller: Lehrerin 3: sinngemäß: „Dann soll man noch in der Schule aktiv sein! *grins* z.B. Schwimmuntericht (Anflug von Lachen), Cafeteria (Gelächter im Hintergrund)… Man soll überall sein!“ Meine Mutter sitzt bis um 4 im Büro. Und du? Du kannst halb zwei nach Hause… oder kommst erst um 8 zur Arbeit. Du machst die Hälfte deiner Arbeit im gemütlichen Arbeitszimmer zuhause. Keine Anrufe, die dich unterbrechen. Und dann vllt noch verbeamtet! Noch irgendwelche Beschwerden? Vielleicht über den Umfang der Ferien? Engagement außerhalb des Unterrichts wird mit hämischem Lachen begrüßt. Willkommen in der Welt der dt. Lehrerschaft.
Erguss von Lehrerin 1: sinngemäß: „Kinder von gut situierten Familien sind besser dran als die von weniger wohlhabenden.“ Die Logik, die dahinter im Zusammenhang mit fist fucking G8 stehen soll, wird nicht erklärt. Wohlsituierte Eltern haben mehr Zeit? Und das erst seit G8? Wäre mir neu. Hirn kann man nicht mit Geld kaufen.
Wieder bei Bsp.-Familie 1: ARD-Exklusiv-Kariere-Bsp.-Papa „übernimmt die Taxifunktion“. Mama ist mit ihrem Ehrenamt beschäftigt. (Woher sie bloß die Zeit dafür nimmt?) Zum Abendessen gibt es eine ungeschälte Kartoffel (sieht zumindest so aus ^^). Danach (um 8 ) übt Papa mit seinen braven Töchtern Vokabeln. Ziel ist schließlich das Einser Abi. Danach ist Schluss. Jetzt könnte man denken: Toll! D.h. bis zum Schlafen: Freizeit! Wow! Natürlich wird das nicht erwähnt. Würde nicht ins „gestresster Schulalltag“-Konzept passen. Lieber spricht man darüber, dass es absolut jeden Tag so zugeht. *zwinker* Auch wenn das Fernsehen nicht da ist.
Eine sehr schöne Szene bei Familie 2: Sonntag, die Sonne scheint, die Kinder spielen Twister im Garten hinter dem Haus. Doch da… die Schule kommt wieder um die Ecke und holt das glückliche Kindheitsidyll zurück auf den schmutzigen und dunklen Boden. Mutter: „*klatscht zweimal in die Hände* Tut mir schrecklich leid aber du weischt: morgen ischt die Englischarbeit.“ WTF!? Nochmal: So werden die Kinder nie in der Lage sein sich ihre Zeit selbst einzuteilen. Und die Eltern werden immer nörgeln können, dass sie das für ihre Kinder machen müssen. (christ raping G8 ist natürlich schuld)
Anmerkung: ich hab 10 Punkte im Leistungskurs Englisch Abi ohne auch nur ein einziges mal Vokabeln notiert oder gar gelernt zu haben. Ich bin kein Supergenie, dem alles eben mal so zufliegt. Ich bin normal und durchschnittlich… vllt sogar langweilig. Das soll heißen: „2 Stunden Vokabeln lernen schaffen wir am Freitag nicht.“ ist einer der überflüssigen Sätze des Berichts.
„Wenn vormittags mein Kind in die Schule geht, nehm ich mir sein Buch, arbeite es durch und erklär im das nochmal wenn er dann am Nachmittag nach Haus bekommt“ OMG! 1. Hat die keine Arbeit? 2. Wenn das wirklich wahr wäre, würde ich mich als Kind erschießen.
Das im Endeffekt nicht mehr Schüler sitzen geblieben sind, als vor dem teuflischen G8 wird nur mit der selbstlosen Hingabe der nun ausnahmslos entkräfteten Lehrer erklärt. (um es mal überspitzt zu sagen)
Die Sendung endet mit Schülern die demonstrierend durch Berlin (?) ziehen und etwas von „Bildung klauen“ rufen. Die Bildung wird ihnen geklaut? Dann frag ich mich, warum die Leute, die schon lang vor G8 genannten, neumodischen Einfall gewisser Behörden ihr Abitur nach 12 Jahren gemacht haben, nicht total verdummt von der Gesellschaft verstoßen wurden oder zumindest an der schieren Masse von Inhalten verrückt und zu menschlichen Wracks geworden sind.
Ich hatte das Abitur nach 12 Jahren in der Tasche. Meine Brüder haben das Abitur nach 12 Jahren gehabt und meine Eltern auch. Künstliches Aufbauschen von Leuten, die den luxuriösen Müßiggang in Ländern mit 13 Schuljahren und Späßen wie schriftlichem Sport- oder Geografieabitur genossen, sollte kein Inhalt einer Sendung des ÖR-Fernsehens sein. (Im Anhang kam übrigens gleich eine „GEZ. Natürlich Zahl’ ich!“-Werbung) Wenn man wissen will, was Leistungsdruck ist, sollte man vllt mal ein paar Jährchen in Japan verbringen.
Fall sie das jetzt alles mit Unverständnis gelesen haben oder den Bericht voller Verständnis und Mitgefühl gesehen haben, dann haben sie wahrscheinlich eine Tochter. Töchter ticken meist anders. Meine Mutter hat nicht von mit von der Deutscharbeit am Montag erfahren sondern am Dienstag von einer Mutter, mit der sie beruflich zu tun hat, deren Tochter wiederum die gleiche Arbeit geschrieben hat und deswegen schon die gesamte Woche vorher nicht mehr schlafen konnte und die ganze Familie verrückt gemacht hat.
Verfasst von Johannes Härtel